Essay

Helmut Schmidt, Bundeskanzler a. D.
Über Christoph Eschenbach
                                                                 

Ein Essay anlässlich der Verleihung des Ernst von Siemens Musikpreises an Christoph Eschenbach am 31. Mai 2015 im Herkulessaal in München

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Musik ist eine Form des Ausdrucks, die von den Menschen in der ganzen Welt verstanden wird. Und beinahe in der ganzen Welt lieben die Menschen die europäische Musik. Die Musik Europas bildet ein großes einmaliges Kontinuum, sie bedarf nicht des komplizierten, national differenzierenden Mediums der Sprache. Sie ermöglicht es deshalb den Musizierenden und ihren Zuhörern, gegebene und gelebte Konflikte nicht auszutragen.

Schon sehr früh, in der Schule wurde meine Liebe zur Musik gefördert. Wahrscheinlich habe ich deshalb im Laufe meines Lebens als Politiker und Privatmann immer großes Interesse daran gehabt, Persönlichkeiten der internationalen Musikgemeinde zu begegnen. Viele haben bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Erwähnen möchte ich Herbert von Karajan, ein genialer Künstler und gleichzeitig guter Zuhörer, mit dem man über Gott und die Welt reden konnte. Oder Leonard Bernstein, der sowohl Musiker als auch Musikerzieher war. Oder Yehudi Menuhin, der Musiker und gleichzeitig moralische Instanz war. Oder den vor Vitalität strotzenden Kurt Masur, ein wunderbarer Kapellmeister und eine sehr große, auch politische Persönlichkeit. Oder den wunderbaren Dirigenten Daniel Barenboim, der Musiker aus sich feindlich gegenüber stehenden Völkergruppen zusammenführt und sie gemeinsam musizieren lässt. Oder Kent Nagano, der 2016 nach Hamburg kommt. Die Liste ließe sich fortsetzen.

In diese Reihe international geschätzter Musiker und Dirigenten gehört selbstverständlich Christoph Eschenbach. Er besitzt einen erstklassigen Ruf als Pianist und ist gleichzeitig weltweit als erstklassiger Dirigent bekannt und anerkannt. Wohin auch immer ich in der Welt reiste, ich stieß auf den Namen Christoph Eschenbach, weil die Menschen in seinen Konzerten waren und sich begeistert erinnerten. Eschenbach wirkt über die deutschen und europäischen Grenzen hinaus. Ich selbst habe viele bewegende Konzerte, als Pianist von seinen Händen und als Dirigent unter seiner Stabführung, gehört. Ich werde nie vergessen, dass Loki und ich bei einem der Konzerte des Schleswig-Holstein-Musikfestivals in Lübeck in der Marienkirche oder im Dom durch Christoph Eschenbachs Auftritt mit dem Orchester zum ersten Mal Gustav Mahler verstanden und schätzen gelernt haben. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar.

Christoph Eschenbach wurde 1940 in Breslau geboren. Er verlor in ganz jungen Jahren seine Eltern und seine Großmutter und wurde, traumatisiert und deshalb sprachlos, von einer Cousine der Mutter adoptiert, die wie die Eltern Musikerin war. Bei ihr hörte er wieder die ihm seit Geburt vertraute Musik, sie ließ ihn Klavierspielen lernen. So fand er seine Sprache wieder. Eschenbach formulierte es so: „Ihr Haus war wie eine Neugeburt. Sie unterrichtete Klavier. Ich hörte sie abends, wenn sie für sich spielte. Ich hörte, hörte, hörte. Wahrscheinlich war das auch ein Mittel der Genesung.“

Der Klavierunterricht hatte nicht nur heilende Wirkung, der Protagonist war überaus talentiert und gewann bereits als erst Zehnjähriger seinen ersten Preis in einem Wettbewerb für junge Pianisten in Hamburg. Nach dem Abitur 1959 schloss er sein Musikstudium 1963 mit Auszeichnung ab. Bald wurde er zu einem der gefragtesten Pianisten und spielte regelmäßig in Salzburg, wo er mit Herbert von Karajan zusammenarbeitete. 1969 gab er sein Debut in den USA beim Cleveland Orchestra unter Szell. Er liebte die Musik der deutschen Romantiker, aber auch Mozart, Beethoven, Chopin, Bartók. Eschenbach sagte einmal, Vladimir Horowitz sei sein großes Idol. Es muss ihn deshalb sehr gefreut haben, dass selbst sein Vorbild dem Pianisten Eschenbach Bewunderung zollte. Er wurde einer der gefragtesten Pianisten seiner Generation.

Nach überaus erfolgreichen Jahren als Pianist begann er, sich anfangs der 70er Jahre auf das Dirigieren zu konzentrieren. Bereits ab 1967 hatte er sich von George Szell nebenbei im Dirigieren unterrichten lassen. Auf die Frage, warum er seine Solistenkarriere als Pianist aufgegeben habe, antwortete er einmal: „Ich finde das Kommunizieren mit mir selbst – alleine mit einem Werk – nicht interessant. Ich bin doch kein Alleinunterhalter. Das ist vorbei.“

Sein Debüt als Dirigent gab Eschenbach 1972 mit Musik von Anton Bruckner und wurde schnell erfolgreich. Als Gastdirigent leitet er bis heute unzählige Orchester. Nennen möchte ich die Berliner Philharmoniker, die Londoner Symphoniker, das Orchestre National de France, die Sinfonieorchester von Boston, Chicago, Pittsburgh, San Francisco, Toronto und Montreal, das Cleveland Orchestra, das Philadelphia Orchestra und die Wiener Philharmoniker. 2013 schrieb die FAZ: „Es wäre einfacher, unter den großen Orchestern der Welt diejenigen aufzuführen, die Christoph Eschenbach noch nicht dirigiert hat.“

Nach dem ersten Chefdirigat in Ludwigshafen zog es ihn als künstlerischen und musikalischen Leiter des Tonhalle-Orchesters nach  Zürich. Anschließend leitete er als Chefdirigent von 1988 bis 1999 in Houston/Texas das Houston Symphony Orchestra, das er in dieser Zeit zu einem der führenden Orchester entwickelte. Zu meiner Freude traf ich ihn während einer meiner Vortragsreisen in Texas in einem Hotel und genoss den Austausch mit dem Freund aus Deutschland.

1998/1999 übernahm Eschenbach die Aufgabe des Chefdirigenten beim NDR-Sinfonieorchester in Hamburg, ab 2000 wurde er für mehrere Jahre musikalischer Leiter des Orchestre de Paris, wo er seine erste komplette Produktion von Wagners Ring der Nibelungen leitete. 2003 folgten fünf Jahre als Musikdirektor des Philadelphia Orchestra. 2010/2011 übernahm Eschenbach die künstlerische Leitung des National Symphony Orchestra Washington. Nicht unerwähnt lassen möchte ich, dass Eschenbach immer noch gelegentlich Liederabende als Pianist gibt.

Eschenbach bezeichnet sich selbst als gnadenlosen Perfektionisten. Er gehört zur ersten Generation von Dirigenten, die sich nicht als Diktatoren am Pult benehmen, sondern das Orchester als Partner begreifen. Das ist in Eschenbachs Augen einer der Gründe, warum die Orchester so viel besser geworden sind als früher. Einen anderen Grund, warum die von ihm geleiteten Orchester so hervorragend musizieren, nannte die Frankfurter Rundschau 1997:

„Eschenbachs Dirigat war an Präsenz nicht zu übertreffen. Ohne die Musiker zu gängeln, wachte er über jede Einzelheit des Geschehens.“

In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war ich regelmäßig Gast im Hause des Hamburger Freundes und späteren Bundesbankpräsidenten Karl Klasen, der mit seiner Frau ein offenes Haus führte. Oftmals traten an diesen Abenden Gäste aus dem Musik- und Theaterleben auf. Einmal spielte ein Klavierduo für die Gäste, die Studienfreunde und Pianisten Justus Frantz und Christoph Eschenbach. An diesem Abend begann die nunmehr bereits Jahrzehnte andauernde Freundschaft zu Christoph Eschenbach.

Anfang 1981, ich war noch Regierungschef, baten mich Justus Frantz und Christoph Eschenbach, gemeinsam mit ihnen für eine Plattenaufnahme zu musizieren. Zunächst spielten wir Mozarts Tripelkonzert ein. Mozart hatte das F-Dur-Konzert für drei Klaviere und Orchester KV 242 für zwei Pianisten und einen jugendlichen Klavierspieler geschrieben. Ich war zwar nicht mehr jugendlich von Alter, aber durchaus von meinen eingeschränkten musikalischen Möglichkeiten am Klavier. Am meisten hat mich damals das Tempo überrascht, mit dem Eschenbach vom Flügel aus dirigierte. Ich war seinem Tempo technisch nur mit größter Mühe gewachsen. Trotz dieser Herausforderung hat das gemeinsame Musizieren Spaß gemacht, auch, weil uns das London Symphony Orchestra begleitet hat. Natürlich hatten wir in Hamburg bereits ein paar Stunden geübt, bevor es in die Studios an der Abbey Road ging. Vier Jahre später, 1985, trafen wir uns abermals, Gerhard Opitz kam hinzu und wir spielten Johann Sebastian Bachs Konzert für vier Klaviere ein.

In den achtziger Jahren begann ich, regelmäßig Arbeitsurlaube im Winter einzuplanen. Da Frantz und Eschenbach damals auf Gran Canaria das Casa de los Musicos besaßen, in dem sich sowohl ein Schreibtisch als auch ein Flügel befanden, war dieses der ideale Urlaubsort für mich. Das Haus lag abseits des Strandtrubels, war spanisch reduziert eingerichtet und ermöglichte es mir so, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. In diesem Haus schrieb ich viele Bücher, und es fanden sich meist auch interessante Gesprächspartner ein.

In der ersten Hälfte der achtziger Jahre entstand dort das Konzept für ein Musikfestival in Schleswig-Holstein. In Lübeck wurde 1985 das Schleswig-Holstein-Musikfestival ins Leben gerufen. Frantz als Hauptinitiator war es gelungen, seinen Freund Eschenbach als Kurator, Musiker und Lehrer zu gewinnen. Im Gründungskuratorium saß ich gemeinsam mit Eschenbach neben vielen anderen, anlässlich der Gründungsveranstaltung 1985 spielten beide Mozart und Saint-Saëns – und ich hielt einen Vortrag. Am ersten Festival 1986 wirkte Eschenbach bereits als Dirigent mit. Außerdem gründete er das Jugendorchester des SHMF, weil er sich Zeit seines Lebens als Mentor für junge Musiker sah. Jahre später, von 1999 bis 2002, übernahm Eschenbach als künstlerischer Leiter gemeinsam mit Rolf Beck die Verantwortung für das Festival.

Christoph Eschenbachs und mein Lebensweg haben sich über viele Jahrzehnte immer wieder gekreuzt. Und ich kann sagen, ich habe jede Begegnung als Gewinn betrachtet, weil ich sowohl den Musiker als auch den Menschen immer sehr geschätzt habe. Er ist ein gebildeter Mann, mit dem man über eine Vielzahl von Themen sprechen kann. Natürlich auch über Musik. Uns verbindet zum Beispiel die Liebe zu Bach. Er selbst sagt über sich, er beginne den Tag am liebsten mit einem Stück von Bach, wenn ein Klavier vorhanden ist. Sonst denke er sich das Stück – das finde ich sehr sympathisch und kann es gut nachempfinden.

Christoph Eschenbach ist für mich ein herausragender Musiker, ob als Pianist oder als Dirigent. Aber er ist auch eine große Persönlichkeit, ein Star ganz ohne Allüren, ein Mann der leisen Töne, ein stiller Star – und doch ganz groß. Was für eine Lebensleistung in den ersten 75 Jahren. Glücklicherweise haben wir die Chance, noch viele wunderbare Konzerte von ihm hören.
Ad multos annos, Christoph!